JEDE GESCHICHTE ERZÄHLT VON DIR

TAUSEND TÜREN OHNE SCHLÜSSEL

Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Ob das der Anfang ist? Keine Ahnung. Ob ich am Ende bin? Definitiv. Mein Erzähler? Tot. Glaub ich zumindest.
Mein Name ist Raphael und das bin ich mit Anfang 20: An einer U-Bahnhaltestelle im angesagten Keine-Ahnung-Wo. Zugedröhnt, einen Einlassstempel am Handgelenk, aber keine Ahnung in welchen Club mich das Leben damit lässt. Keiner konnte mich wirklich sehen, geschweigenden berühren. Nichtmal ich selbst.
So irrte ich nachts durch die Straßen, füllte diese seltsame Leere mit Vodka Mixgetränken und übertönte all die wichtigen Fragen mit Partyexzessen und betäubenden Beats. Einsamkeit begleitete mich auf Schritt und Tritt. Selbst, wenn ich auf der Tanzfläche jemanden zum rumknutschten fand, alles schmeckte doch wieder Bedeutungslosigkeit unter biligem Parfum. Ich konnte mich draußen ablenken und so tun als würde diese Leere nicht existieren, aber als ich wieder nach Hause kam war sie überall.
Gleich nachdem die Tür meiner 25 Quadratmeterwohnung ins Schloss gefallen war, schob die Stille einen fetten Keil in den Türspalt meiner Seele und all die Monster, die ich weggesperrt hatte, krochen wieder hervor. In ihren Krallen hielten Sie ein Liste und mit einem Donnergrollen begann dann ihr Vortrag: All die widersprüchlichen Wendungen, all die Handlungslöcher und Charakterschwächen des Protagonisten wurden offengelegt.
Das Gesicht im Badezimmerspiegel war mir auch beunruhigend fremd. Es starrte mich nur an, so wie ein alter Bekannter, der darauf wartet, dass man sich an seinen Namen erinnert. Selbst seinen Erwartungen konnte ich offenbar nicht gerecht werden. Bei dem Gedanken zog sich dann alles in mir zusammen. Erwartungen. Jemand sein. Am besten man selbst. Alles drehte sich. War das der Rausch? Herzversagen? Endlich Ende der Geschichte?

KARTEN DER BEDEUTSAMKEIT

Irgendwann in den Neunzigern: Wenn ich als jüngster von drei Geschwistern mal wieder viel zu früh einen Film mit FSK 12 gesehen habe, bekam ich regelmäßig große Augen. Nicht weil die Geschichten zu anspruchsvoll für mich waren, sondern weil ich erkannte, dass das Kino meine Kirche sein würde. Bruder und Schwester haben mir bei meinem nachdenklichen Blick dann immer versichert „Keine Sorge, Raphi, das ist nur ein Film!“ Nur ein Film? Dachte ich dann. Nein. Das war nicht nur ein Film. Das war mein brennender Busch. Mein Zugang. Meine Sprache: Unter dieser Zeitspur aus Bild und Ton lag etwas Heiliges.
Meine Neugier war geweckt: Wie konnte etwas so komplett fiktionales etwas so tief emotionales in mir auslösen? Wie kann eine Lüge so wahrhaftig sein? Im Fachjargon stieß ich auf trockene Antworten wie „Planen Sie gute Charaktere“ oder „Alle Geschichten folgen der Struktur Anfang, Mitte, Ende“. Jaja, schon klar, dachte ich mir dann. Mich interessierte das Handwerk, aber vor allen Dingen der Mythos dahinter, das Ursprüngliche, die Magie. Woher nahmen diese Geschichtenerzähler ihre Geheimzutat?
Aber nicht nur die Fiktion war meine Schule. Auch die echte Welt hatte viel zu erzählen:
Ich hörte Geschichten von fremden Orten, an denen die Menschen ein bisschen mehr waren wie ich. Oder auch von einem 2000 Jahre alten Buch, das angeblich auf alle Fragen des Lebens eine Antwort haben würde. Bibel nannten sie es; voll mit Geschichten über den Anfang von allem. Aber ich erhielt auch Mythen aus erster Hand: Erinnerungen geliebter Menschen. Bruchstückhafte Lebenswerke, die sich Wort für Wort wie ein Mosaik zusammensetzten. Hier lernte ich viel über die Mitte.
Hier war der Beweis: Es ging nicht nur um Unterhaltung. Es brachte uns näher. Schenkte uns Trost und Hoffnung.
Mit 18 konnte ich mich so aus der heteronormativen Kleinstadt in eine Welt träumen, in der man mich akzeptieren würde wie ich bin. Ich konnte meinem Großvater in die Angst, die Hoffnung und den Schmerz folgen, den ein Leben auf der Flucht für ihn bedeutet hatte.
Und ich lernte – zwangsläufig – etwas über das Ende. Mit 4 Jahren auf dem Schoß meiner Mutter, die ihre Tränen nicht länger verbergen konnte. Sie half mir einen traumhaft schönen Himmel zu sehen. Das neue Zuhause von Lena, der Freundin meiner großen Schwester, die damals mit nur 8 Jahren bei einem Autounfall ihr Leben verlor.
All diese Wirklichkeiten wurden geformt vom Mythos ihrer Geschichten. Geschichten, die zwar zum Teil voller Symbolik und Poesie waren, aber im Kern ihrer Botschaften so wahr und so nah wie die Luft, die ich atmen konnte.

DAS LEBEN ALS FIKTION

Nicht zuletzt aufgrund dieser Faszination beschloss ich schon in frühem Kindesalter selbst Geschichtenerzähler zu werden, in welcher Form auch immer. Illustrator, Autor, Schauspieler – das war ganz egal. Hauptsache ich konnte das replizieren, was mir als Kind wie pure Zauberei vorkam. Aber was machte diesen Zauber konkret aus? Zum Ende meiner Teeniejahre glaubte ich, es ginge um den großen Auftritt. Um die großen Pointen, die dramatischen Wendungen und die heldenhaften Hauptfiguren.
Wie so viele junge Künstler imitierte ich nur das, was ich von hier aus sehen konnte: Die Spitze des Eisberges. Ich ahmte das Handwerk nach, statt die Kunst zu begreifen. Die Tatsache, dass all die Werke, die mich beeindrucken konnten, etwas ganz besonderes für mich waren, ließ mich glauben, dass dieses „besonders sein“ der Schlüssel zum Erfolg sein müsse.
Sicher würden mein Narrativ anklang finden, wenn es nur ungewöhnlich genug sein würde. „Was ich erzähle, muss besonders sein!“ Das war mein Credo.
Konkret sah diese Phase dann so aus: Offene Farbtuben, zerschnittene Magazine und Studiolampen neben Aluschalen vom Lieferservice. Ich kreierte abgefahrene Fotocollagen, geheimnisvolle Gedichte und sehr experimentelle Kurzfilme. Jeder Pinselstrich, jeder Scherenschnitt, jedes Wort war aufrichtig.All meine Werke erzählten auf ganz besondere Weise von der Wahrheit, aber machte mich das auch besonders wahrhaftig?
„Alles andere will doch eh keiner hören“, dachte ich. Den austauschbar menschlichen Moment verbot ich mir regelrecht. Ich folgte dem vermeintlichen Vorbild meiner Idole, diesem glitzernden Ausschnitt, den ich von hier aus sehen konnte, diesem gebastelten Mandat des Besonderen. Es war komplett ehrlich, aber eben nicht ehrlich komplett.
Ich hatte gute Bekannte, interessante Freunde und spannende Menschen um mich herum. Aber niemand kannte mich so wirklich. Nichtmal ich. Hier war ich also: Einzigartig. Besonders und verdammt einsam.
Nicht einsam im Sinne von allein. Sondern einsam im Sinne von nicht gekannt.

EIN NIEMAND KANN ALLES SEIN

Das war dann der erwähnte Badezimmerspiegel-Moment: Jahrelang hatte ich mir so viel Mühe gegeben, mich vor anderen zu verstecken, dass ich mich irgendwann selbst nicht wiederfinden konnte. Nichtmal im eigenen Spiegelbild. Wie einen verlegten Haustürschlüssel war mir klar, dass ich doch irgendwo sein musste. Aber dort, wo ich hingehörte, war ich nicht zu finden. Das ist das Problem, wenn man Teile von sich versteckt nur um zu gefallen: Irgendwann findet man sie selbst nicht mehr wieder.
Ich erzählte ständig eine Menge wahre Geschichten, aber keine davon erzählte wahrhaft von mir.
Hier stürzte ich jedenfalls bis zum Tiefpunkt. Das Finale der Selbstentfremdung. Der Moment, in dem ich mich so weit von mir entfernt hatte, dass auch die schönste Lüge mich nicht mehr in Sicherheit wiegen konnte. Ich hatte mich verloren. Befand mich im freien Fall ohne Sicherheitsnetz. Die Angst in der Realität aufzuklatschen war zwar riesig, aber etwas in mir spürte: Das war Teil des Prozesses. Würde ich so enden?
Hier im freien Fall beschloss ich zum erstem Mal mich an nichts weiter festzuhalten als an der Wahrheit. Keine fiktionalisierte Ableitung davon, keine noch so ehrliche Inszenierung. Einfach Wahrheit. Wenn ich lernen wollte, ehrlichere Kunst hervorzubringen, musste ich vorerst lernen ehrlicher mit mir selbst zu sein.

WER BIST DU, WENN KEINER HINSIEHT?

Von da an hörte ich auf ständig nur die Geschichten zu erzählen, die in den Rahmen meiner Komfortzone passten oder die Versionen, andere hören wollten. Stattdessen setzte ich mich Abends an meinen Schreibtisch. Ich war ehrlich. Ich brachte genau die Geschichten zu Papier, vor denen ich viel zu lange weggelaufen war.
Keine Ausflüchte. Kein Betäuben. Kein Übertönen. Ich setzt mich hin, öffnete ein leeres Textdokument und lies Einsamkeit, Leere und Schmerz endlich mal zu Wort kommen.
Kein Zensieren. Kein beschönigen und kein verteufeln. Ich schrieb einfach alles auf. Raus aus mir. Raus aufs Papier.
Ich erkannte, wo ich zu weit gegangen war und wo nicht weit genug. Meine Finger tippten schneller als meine Selbstzweifel und ich erkannte, dass ich mehr Ehrlichkeit aushalten konnte als ich bislang angenommen hatte. Klar, es war schmerzhaft, roh, aber extrem befreiend. Es war gelebte Demut vor der Wahrheit. Ich füllte die Seiten mit den abstrusesten Gedanken und hässlichsten Tatsachen. Mit Schuld- und Glaubensbekenntnissen. Betrogenen Freunden und verpassten Chancen. Was mich jahrelang in meinem Unterbewussten verfolgt hatte, konnte so in meine Zeilen gesperrt keinen Schaden mehr anrichten, zumindest nicht unbeobachtet. Der schlichte Akt meine Geschichte vorerst nur mir zu erzählen, befreite mich. Ich wurde mir be-wusst. Die Worte auf Papier zogen mich zur Rechenschaft und nahmen mir gleichzeitig die Angst. Die Angst vor Sichtbarkeit. Ich tauchte endlich auf. Zumindest im geschrieben Wort.
In den folgenden Wochen zog ich weiter durch die Clubs und Bars. Traf die Menschen, die ich meine Freunde nannte und ließ mich weiter auf den ein oder anderen Rausch ein. Aber etwas war anders. Etwas hatte sich verändert. Das Grölen der Partymeute klang plötzlich wie ein Hilfeschrei und mir fiel plötzlich auf, dass mir keiner meiner Freunde länger als zwei Sekunden in die Augen sehen konnte. Ich hörte die Panik in unechtem Lachen und die Lüge in manch einem „Mir gehts gut“. Ich fühlte mich getrennt von allem. Und das waren nicht die Anderen Schuld. Etwas in mir hatte sich verändert.
Ich ahnte noch nicht, dass wir uns vielleicht näher gekommen wären, wenn ich einfach meine Geschichte erzählt hätte. Wenn ich schon da beschlossen hätte: So ehrlich wie mit dem Papier, bin ich von jetzt an auch mit dir.

WIE INNEN SO AUßEN

Mir selbst gegenüber war ich also ehrlicher und offener geworden, meinen Mitmenschen gegenüber wählte ich meine Geschichten aber wieder so penibel aus wie eh und je. Ich erzählte noch immer das Reduzierte, berichtete lediglich von meinen Happy Ends. Ich warf mit Ratschlägen um mich, statt aufrichtig von meinen Rückschlägen zu erzählen.
Ab da begann ich mich auch vermehrt für jene Künstler zu interessieren, die nicht nur ihre Resultate teilten, sondern vor allem ihren Prozess. Ich ließ mich nicht mehr von dem vermeintlich Tiefgründigen blenden, sondern suchte vermehrt nach dem Abgründigen. Das waren nun meine Vorbilder.
Denn wie sehr ich auch die Ergebnisse ihrer Arbeit bewunderte, der Weg dorthin war oft gepflastert von Fehlentscheidungen, Zweifeln und Neuanfängen.
Wo ich persönliche Geschichten früher für unterhaltsame Lebenslektionen gehalten hatte, erkannte ich sie nun als das entscheidende Verbindungselement von Mensch zu Mensch. Ein echter Geschichtenerzähler zu werden, würde mehr von mir verlangen als nur hübsche Worte für spannende Erkenntnisse zu finden. Es würde bedeuten, dass ich von nun an den Mut aufbringen müsste, die ganze Geschichte zu erzählen – mit all ihren schmerzhaften Details. Anfang, Mitte und Ende. Ich erkannte, dass Mut der Anfang von Freiheit ist. Wenn ich der Wahrheit eine Stimme geben wollte, musste ich lernen, sie auch im Angesicht der Angst zur Priorität zu machen.
Ich hab mal gehört „Dem Falschen kann man nie das Richtige geben. Und dem Richtigen nie das Falsche.“ Deshalb mach ich mir keine Gedanken mehr über richtig und falsch oder schön und besonders: Ich bin nur noch Geschichtenerzähler. Ich bin einfach Raphael. Das wird reichen müssen.

UND DU?

An der Wurzel sind wir eins. Du verstehst mich, weil wir gleich genug sind. Aber weil ich anders genug bin, bin ich in der Lage, dich zu inspirieren. Vielleicht blicken wir in dieselbe Richtung und doch bleibt dein Blick einzigartig, deine Perspektive kostbar. Vielleicht erkennst Du wie ich, dass auch deine Geschichte für uns alle von Bedeutung ist. Du siehst, was keiner von uns sehen kann. Du nimmst Abkürzungen, wo wir Umwege für normal halten. Und du bleibst optimistisch, wo wir längst aufgegeben haben. Die Karte deiner Bedeutungen zählt. Auch wenn deine Geschichte bereits von tausenden vor Dir erzählt wurde, die Tatsache, dass sie in dir lebendig wird, zeigt: Wir müssen sie hier, wir müssen sie heute und wir müssen sie von dir hören. Womit also wirst Du anfangen? Welche Mitte macht dich aus? Und für welches Ende wirst Du dich entscheiden?